Benötigen Fragen immer Antworten, oder reicht es manchmal auch auf Leerstellen aufmerksam zu machen? In welchen Momenten fehlen dir die Worte und wann wäre es besser einfach mal den Mund zu halten? Spürst du noch wieviel sich da in dich einfrisst und wieviel kannst du ertragen, bis ein einziger Tropfen das ganze Fass zum überlaufen bringt? Kriegst du es noch mit, wenn die Verdrängung mal wieder zuschlägt, oder weißt du gar nicht mehr, was das eigentlich ist, Bewusstsein? Hast du Angst vor dem Moment, in dem dein Gegenüber merkt, dass jedes Wort von ihm eigentlich zu sehr weh tut? Redest du trotzdem weiter, weil du süchtig geworden bist nach der semantischen Akkupunktur? Hast du Freunde, die du an einem Dienstag um fünf Uhr Morgens anrufen kannst, oder ärgerst du dich lieber, dass die Praxis deines Psychotherapeuten keine vierundzwanzig Stunden am Tag geöffnet hat? Glaubst du an die wahre Liebe und betrügst deine Freundin trotzdem nach dem fünften Bier? Wieviel Geld kostet dein Auto und wieviel Reis könnte man von dem Geld kaufen? Würdest du deine Fettleibigkeit als Nebeneffekt des Wohlstandes bezeichnen oder siehst du sie eher als Produkt eines Dranges nach immer mehr? Wieviel ist dir ein Menschenleben wert und für wen würdest du eher eine Schusswunde in Kauf nehmen: Für einen Kindersoldaten oder für den Präsidenten der Vereinten Nationen?
Denk mal drüber nach und schreib dann deine Fragen auf.
Manchmal passieren einem Abende, die in ihrem Eigenverlauf eine wunderschöne Absurdität beinhalten und das in einem so starkem Maße, dass der Zustand von “sich treiben lassen” fast schon physisch zu sein scheint. Eine Szene gibt sich mit der anderen die Klinke in die Hand und man steht irgendwie neben sich, in dem Glauben, die Ausartung habe jetzt schon weitaus mehr Verästelungen ausgebildet, als einem persönlich gut tut. Man sieht sich selbst nur noch in Gedanken kopfschüttelnd und mit allen gebrochenen Erwartungshaltungen das nächste Bier bestellen, weil man sich sicher ist: Schlimmer geht immer.
Ich knalle mich selbst mit musikalischen Versprechungen zu, um der Hoffnung mehr Platz einzuräumen. Twenage Angst mit dem Hang zur Kompensation + die Sicherheit, dass ich mich ganz sicher nicht von mir und dem was dieses Gefühlsleben definiert, lossagen will und kann. Mir bleibt keine andere Möglichkeit, als die Emotionen, die auch mich einprasseln, wie einen Schwamm aufzusaugen. Mit der Zeit lernte ich die Filterfunktion zu kontrollieren. Ein Wachsen durch die eigene Befindlichkeit. Ein regelmäßiges menschliches Spiegellabyrinth, welches zwangsweise zur Selbstreflexion und der daraus folgenden Weiterentwicklung führt. Das Ganze paart sich mit dem emotionalem Geigerzähler in meinem Bauch, welcher mir nicht nur Vorteile verschafft, aber in allem was ich bisher tat, bin ich nicht bereit im Gegenzug für die Nachteile die Tiefe der Zwischenmenschlichkeit aufzugeben. Dann lieber die Angriffsfläche mit einer Offenheit nach außen tragen, die einem gleichzeitig als Verteidigung dient. Das, was dann andere zum Schutz tragen, erscheint hier im Zwischenlicht manchmal eher wie ein Chitinpanzer aus Ego, den man mit dem Fingernagel knacken könnte, wenn man wollte.
In dem Falle hat es nichts mit Überheblichkeit zu tun, sondern einfach mit dem Wissen um vorhandene Möglichkeiten und dass man könnte, wenn man wollte. Es gibt diese grundsätzliche Entscheidung sich in den meisten Fällen doch lieber fürs tiefe Durchatmen zu entscheiden, obwohl das Gegenüber schon längst den emotionalen Fehdehandschuh ausgepackt und mir mit solcher Kraft über die Wange gezogen hat, dass meist wochenlang noch rote Striemen zu erkennen sein werden. Man sollte Menschen ihre eigene Unfähigkeit nicht zum Nachteil anrechnen, denn meist haben sie keine andere Wahl. Wichtiger ist eben die Frage, warum es so ist, wie es ist und wie man (zum Beispiel durch weiteres Durchatmen) etwas an der Beziehung zum Gegenüber verbessern könnte, damit am Ende, abgesehen von der Situation, beiden geholfen ist. Denn alles andere wäre Ego-Virus und führt dazu, dass andere sich nicht mehr trauen, ehrlich auf den anderen zuzugehen und zu fragen „Wollen wir?“
Eine Auseinandersetzung mit dem Gegenüber ist nur dann auf einer angenehmen Basis, wenn dieser grundsätzliche Drang vorhanden ist, den anderen verstehen zu wollen. Alles andere ist harter Battlerap, kommt meistens höhenmäßig nicht über den Sofarand hinaus und am Ende bleibt man wieder alleine, leckt sich die eigenen Wunden oder das Ego und kann einen weiteren Namen auf der Liste mit dem Arschloch-Haken versehen. Denn: so ist das meistens, und es ist jedes Mal wieder schade drum.
Die Waschmaschine auf “Schleudern” stellen.
Die leise Ahnung von Fieldrecordings aus der Schweiz füllt den Raum und meine Gedanken sind erfüllt von Quecksilberaugen. Die Vergangenheit verstreut sich auf drei Wände und gibt ihre Namen preis. Die Erinnerung schweift zu den prägenden Momenten.
Sätze wie “Was soll ich denn mit der ganzen Musik machen?” und Momente in denen der Drang zu Affekthandlungen so riesig ist, dass man ihm nicht mehr wiederstehen kann, denn genau die sind es meist, die alles umwerfen. Ist ja auch gar kein Wunder, denn wichtig ist nur noch die eigene subjektive Emotion, die sich dann aber auch auf so extreme Weise äußert, dass alles andere schön zurückstehen kann. Konsequenzen sind vergessen, weil man sich genau darüber bewusst ist, dass das jetzt einfach raus muss. Da spielt auch der Kontext keine Rolle mehr. Den spürt man erst dann wieder, wenn einem die Konsequenzen des Handels ganze zwei Minuten später volle Kanne in die Fresse geschlagen werden. Interessant ist meistens, dass in solchen Momenten, vorrausgesetzt man muss das jetzt erstmal kompensieren (und das muss man meistens), entweder die Übersprungshandlung oder der unstillbare Drang nach Betäubung einsetzt. Aber meist passiert ja eh immer alles auf einmal, wenn es so doll ist, dass man schon zu Affekthandlungen neigt.
Im Hintergrund schleudert die Waschmaschine.
Auf dem Schreibtisch liegt eine Seite aus der Liebling. Darauf in schwarzem Rahmen: Die Illustration einer Socke deren Strickmuster in der Mitte ein Loch enthält. Noch nicht fertig, denn man sieht wie die Nadel den Faden weiter durch die Socke führt. Darunter waagerecht zu lesen: ZUKUNFT. Das erste U dieses Wortes ist gleichzeitig auch das U des Wortes AUA, welches senkrecht den Weg kreuzt. AUA, ZUKUNFT.
Und ja, wenn ich dir die Chance gebe, darfst du in mich hineinschauen. Keine schöne Aussicht von da oben, aber die Tiefe lässt einen auf diese besondere Art schwindeln, bei der man nach einiger Zeit merkt, dass einem das Gefühl für die Differenzierung von Oben und Unten verlorengegangen ist. Genau deswegen gibt es weiter vorne auch ein Schild auf dem steht: “Besuchszeiten nur nach vorheriger Terminabsprache.”
Sowieso ist dies Sache mit den Zeiten und dem was man zu sehen bekommt schwierig. Das hängt mit dem Licht zusammen, welches an solchen Orten ständig im Wechsel begriffen ist. Das hängt mit diesen einzelnen zauberhaften Momenten zusammen. Wir wissen von ihnen und genau sie sind auch der Grund, warum wir dann da stehen und schauen. Und obwohl wir des Schwindels wegen schon längst wieder im Begriff waren zu gehen, weil der auf Dauer wirklich schwer zu ertragen ist, wagen wir noch einen Schritt. Einen Zentimeter weiter, weil wir uns sicher sind, dass im nächsten Moment das Licht im passenden Winkel einfallen und alles um uns herum dieses zauberhaften Glanz bekommen könnte, welcher jeden Abgrund zum Grand Canyon mit zauberhaftem Panorama werden lässt.
Gleichzeitig spüren wir, wie diese Angst jetzt den Blick nicht mehr abwenden zu können, immer größer wird. Das auf ewig ertragen zu müssen, wäre schwerste Folter, weil man genau weiß, die Hoffnung bleibt bestehen.
Langsam nehme ich deine Hand und sage: “Es wird Zeit” und ohne den Blick abzuwenden führe ich dich rückwärts. Zum Abschied versuche ich dich zu küssen, aber deine komplette Wahrnehmung ist immer noch auf die Kante gerichtet. Minutenlang schaue ich dich an, denn es braucht seine Zeit, bis die Schatten aus der Iris verschwunden sind, bis man wieder klar sehen kann. Und während dir eine einsame Träne über die Wange läuft guckst du mir nachdenklich ins Gesicht und fängst auf einmal an völlig unverhältnismäßig von irgendeinem Termin zu erzählen. Du wärest spät dran und man nähme es dir übel, wenn du nicht erscheinen würdest.
Langsam blicke ich dir nach und sehe wie du die Arme um die Hüften geschwungen hast. Es fröstelt einen oft. Hier weht ein starker Wind. Ich zünde mir eine Zigarette an, klappe meinen Kragen hoch und denke mir “Hoffentlich bis bald”. Denn: So ist das immer.
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