Nebel steht über dem Wasser und wir am Ufer. Ich kann nicht mehr sagen, wie lange ich hier schon stehe. Das was mich gerade zusammenhält ist meine Hand auf deiner Schulter und die Regelmäßigkeit deiner Atmung ist mir zur einzigen Sicherheit geworden, welche ich noch bewusst in mir trage.
Seit du die Frage gestellt hast, ob wir an den See gehen können, hast du kein Wort mehr gesprochen. Auf dem Weg hast nur meine Hand genommen und einmal fest gedrückt, um mir mit einem Streicheln deines Daumens zu sagen, dass alles in Ordnung ist.
Ich wusste, dass du fragen würdest. Nicht, dass ich es mir aus Verzweiflung nicht auch einmal gewünscht hätte, aber es laut auszusprechen, das habe ich mich nie getraut. Es war mir klar, dass die Entscheidung zum Wasser aufzubrechen immer bei dir lag und, dass, wenn du irgendwann einmal den Entschluss fassen würdest, diese Wanderung auf dich zu nehmen, wir uns zusammen auf den Weg machen müssten.
Ich war in letzter Zeit oft alleine hier, aber gebracht hat es mir nichts. Mein eigenes Spiegelbild im Wasser erschien mir jedes Mal verschwommen und unvollständig.
Jetzt im schwachen Mondlicht ist es genau der gleiche Effekt, mit dem Unterschied, dass du neben mir stehst und man nicht sagen kann, wo du aufhörst und ich anfange.
Ich schaue dich an und aus deinen Augen spricht die gleiche Gewissheit, die sich bei mir inzwischen auch eingestellt hat. Noch einmal blicke ich aufs Wasser und merke wie der Nebel dichter geworden ist. Wir wissen beide, dass es Zeit wird.
In dem Moment in dem ich dich umarme durchläuft deinen Körper ein leichtes Zittern und, als wäre es geplant, setzt es sich in mir fort. Ich erstarre kurz, bevor ich dein Gesicht in meine Hände nehme. Als ich dich küsse drängt sich mir der Gedanke auf, dass doch irgend etwas anders sein müsste, doch es ist nur ein weiteres Mal das Gefühl mich in eine tiefe Geborgenheit zu versenken. Fast schüchtern und trotzdem mit Hingabe.
Ich gebe dich frei, lasse dich los und schon ist es passiert. Unsere beiden Spiegelbilder, im Wasser immer noch eng umschlungen, nähern sich dem Nebel, während ich dich am Ufer stehend in stiller Beobachtung zurücklasse.
Ein letztes Mal steige ich die Böschung hinauf und nehme unter Tränen Abschied vom See, denn jetzt ist nichts mehr wie vorher.