Echt mal…

Februar 8th, 2010 § 0

Es wird größer und größer und dann platzt die Blase. Ullstein distanziert sich und Helene hat sich mit der ganzen Aktion so derbe ins eigene Bein geschossen, dass die Frage aufkommt, ob sie je wieder richtig laufen lernen darf.

Denn mit siebzehn Jahren und das war genau das, was mich von Anfang an störte, da fehlt einem einfach der gewisse Weitblick, um ein Buch zu schreiben, dessen Inhalt andere Menschen ein ganzes Leben nicht mehr verstehen werden. Das hat noch nicht einmal was mit dem Remix/Plagiatsvorwurf an und für sich zu tun, sondern mit dem, was das Feuilleton da hochgebauscht hat. Wenn die Zeit meint, weniger die Stimme irgendeiner Generation als vielmehr das Grundgeräusch unserer Gegenwart herauszuhören, dann liegt es wahrscheinlich nicht unbedingt an daran, dass da eine verzogene Siebzehnjährige gut schreiben kann, sondern daran, dass sie den richtigen Riecher in Bezug auf Kombinatorik der Elemente hatte.

Verstehen kann es jeder, der das Gefühl teilen kann (und ich weiß wovon ich rede, ohne das Buch ansatzweise gelesen zu haben), aber das, was es ausmacht, wirklich in Worte fassen, nein, dafür ist ein Mädchen, welches von ihrem Vater ein behütetes Leben in Berlin ermöglicht bekommen hat, nicht wirklich die richtige Person. Das kann man in dem Alter noch nicht gelernt haben. In dem Alter hat man ja meistens noch nicht einmal gelernt wie das mit dem Ficken richtig funktioniert. Das macht man zwar, aber das tiefere Verständnis für das, was da noch kommen könnte, das geht einem ab. Das Einzige, was sie in Berlin gelernt haben mag, ist, wie man einen Kaffee bestellt, um den dann mit einer Generation zu trinken, die wahrscheinlich völlig fasziniert davon war, was so ein kleiner Mund alles zum Besten geben kann, wenn er die Quellen verheimlicht und die ihr dann den Floh mit dem Buch ins Ohr setzen.

Wahrscheinlich aber geht das ganze Spielchen schon länger:

r: [...] helene hegemann
v: ja ich habe die ganzen artikel gelesen, die man jetzt lesen kann, über die ganzen kritiken, die sie so in den himmel loben
r: mh, also ich kenn’ sie ja schon länger
v: was echt du kennst sie, ist sie denn so ein abgewracktes drogenkind wie die protagonistin in ihrem buch
r: das weiß ich nicht …
v: ja woher kennst du sie dann
r: (nach kurzem lachen) ja was heißt kennen, die war da ja erst vierzehn, das war so ne lesung an der schaubühne, also die haben da auch was von meinen texten gelesen, also was heißt lesung das waren so jungschauspieler und die haben eben dann von mehreren leuten texte gelesen
v: achso und da war die dann auch
r: ja, und also, das war nur so, weil die war ja da auch erst vierzehn, und ich hab dann ein paar von ihren texten gelesen und das war dann eben so nach dem motto: also dafür dass sie erst vierzehn ist…
v: gelesen hab ich das buch aber nicht, aber habe auf youtube so werbevideos dafür gesehen, in denen kinder irgendwie so diese drogenbohemienstyleleute spielen und , also wenn das was sie aber sagen, wenn das zitate aus dem buch sind, dann will ich das auch gar nicht lesen, weil die so richtig [geräusch und untermalende geste] sind
r: mh [...] ja … eigentlich hab ich gar keinen bock darauf, wieder nach berlin zu gehn, weil das hab ich vor allem bei dem ganzen gerede um das buch gemerkt, dass das diese ganze berlinscheiße ist, auf die ich gar keinen bock mehr hab.

Das Sahnehäubchen am Ende ist eigentlich die Farce der Selbstdarstellung, die nach dem Vorwurf erst so richtig den Höhepunkt erreicht hat, nämlich im Sinne von “Ich bin halt so. Ich bin halt nen Wunderkind. Tut mir leid, dass ich hier und da nicht gesagt habe, woher ich mich bediene, aber dass kann man auch in meinem Alter noch nicht erwarten. Ich bin doch noch 17 (aber ich find mich trotzdem schon unheimlich geil)”, um dann letztendlich mit einem Begriff wie Authentizität, denn das ist wahrscheinlich genau der Zucker der ihr von der 90er Generation in den Arsch geblasen wurde, alles vom Tisch fegen zu wollen.

Ehrlich und echt klingt sie eigentlich nur in dem Teilsatz “und ich, (…) total gedankenlos und egoistisch war”.

Ich für meinen Teil hoffe jedenfalls, dass sie keinen Vertrag mehr angeboten bekommt, jedenfalls nicht, bis sie diese postpubertären Profilierungphase hinter sich gelassen, eigene Erfahrungen gemacht und einen eigenen Stil entwickelt hat. Dann würde ich vielleicht auch mit ihr Kaffee trinken gehen.

Im übrigen sind Teile dieses Textes ein Remix von verschiedenen Gesprächen, die sich alle wunderbar herrlich über das Thema aufgeregt haben, unter anderem Orincostereo und andere.

Update: Airen ist mit Strobo inzwischen auf Platz 22 gestiegen.

Leseliste
FAZ – Originalität gibt es nicht – Nur Echtheit
GlamourDick: KLEINE VOTZE mit EXTRA GROSSEM V
Süddeutsche: Wenn der Jugendschutz nicht gilt, kommt der Feuilletonfriseur.
BABELTEXT – W.T.F. Fräulein Hegemann
SuKuLTuR: Presseerklärung zu den Plagiatsvorwürfen Axolotl Roadkill / STROBO
Mathis Richel – Ein Gespräch mit Deef Pirmansen über Helene Hegemann und eine Entschuldigung

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