Hallo, Ich bin ein Abgrund.

Dezember 31st, 2009 § 0

Und ja, wenn ich dir die Chance gebe, darfst du in mich hineinschauen. Keine schöne Aussicht von da oben, aber die Tiefe lässt einen auf diese besondere Art schwindeln, bei der man nach einiger Zeit merkt, dass einem das Gefühl für die Differenzierung von Oben und Unten verlorengegangen ist. Genau deswegen gibt es weiter vorne auch ein Schild auf dem steht: “Besuchszeiten nur nach vorheriger Terminabsprache.”

Sowieso ist dies Sache mit den Zeiten und dem was man zu sehen bekommt schwierig. Das hängt mit dem Licht zusammen, welches an solchen Orten ständig im Wechsel begriffen ist. Das hängt mit diesen einzelnen zauberhaften Momenten zusammen. Wir wissen von ihnen und genau sie sind auch der Grund, warum wir dann da stehen und schauen. Und obwohl wir des Schwindels wegen schon längst wieder im Begriff waren zu gehen, weil der auf Dauer wirklich schwer zu ertragen ist, wagen wir noch einen Schritt. Einen Zentimeter weiter, weil wir uns sicher sind, dass im nächsten Moment das Licht im passenden Winkel einfallen und alles um uns herum dieses zauberhaften Glanz bekommen könnte, welcher jeden Abgrund zum Grand Canyon mit zauberhaftem Panorama werden lässt.

Gleichzeitig spüren wir, wie diese Angst jetzt den Blick nicht mehr abwenden zu können, immer größer wird. Das auf ewig ertragen zu müssen, wäre schwerste Folter, weil man genau weiß, die Hoffnung bleibt bestehen.

Langsam nehme ich deine Hand und sage: “Es wird Zeit” und ohne den Blick abzuwenden führe ich dich rückwärts. Zum Abschied versuche ich dich zu küssen, aber deine komplette Wahrnehmung ist immer noch auf die Kante gerichtet. Minutenlang schaue ich dich an, denn es braucht seine Zeit, bis die Schatten aus der Iris verschwunden sind, bis man wieder klar sehen kann. Und während dir eine einsame Träne über die Wange läuft guckst du mir nachdenklich ins Gesicht und fängst auf einmal an völlig unverhältnismäßig von irgendeinem Termin zu erzählen. Du wärest spät dran und man nähme es dir übel, wenn du nicht erscheinen würdest.

Langsam blicke ich dir nach und sehe wie du die Arme um die Hüften geschwungen hast. Es fröstelt einen oft. Hier weht ein starker Wind. Ich zünde mir eine Zigarette an, klappe meinen Kragen hoch und denke mir “Hoffentlich bis bald”.
Denn: So ist das immer.

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